Unklar ist auch, wie weit verbreitet dieser Missbrauch und wie hoch die Unfallrate war, die mit Drogen in Verbindung stand. Verboten war das alles nicht explizit. Die Praxis der Dauerfahrten auf der Bahn und die später in Mode gekommenen Sechstagerennen dürften den Konsum angeregt haben. Besonders häufig gab es Unfälle bei den Dauerfahrern (Fahrt hinter Motorrädern) in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts. Möglich wäre durchaus, dass diese Unfälle auch unter dem Einfluss unterstützender Mittel stattfanden.
Nach dem zweiten Weltkrieg traten die Amphetamine ihren Siegeszug im Sport an. Der erste mir namentlich bekannte Fahrer, der unter dem Einfluss dieser Aufputschmittel verstarb, ist der Italiener Fabio Aldese, gestorben 1949. Der Spiegel zitiert 1967 und 1969 den französischen Präsidenten des Internationalen Sportärztebundes Professor Chailley-Bert, der von mehr als 1000 Radsportlern sprach, die durch Doping ihr Leben ließen. Allein 1967 sollen 5 namhafte Rennfahrer an "der Giftladung am Lenker" gestorben sein (Spiegel, 21.7.1969). Insgesamt liegen mir für die Zeit von 1949 bis 1969 die Namen von 14 Fahrern vor, deren Tod vor allem mit Amphetaminen in Verbindung gebracht wird. Einige starben während eines Rennens, so 1955 der Franzose Jean Mallejac und 1960 Knud Enmark Jensen, der während der Olympischen Spiele von Rom kollabierte. Der bekannteste dürfte jedoch Tom Simpson sein, dessen Körper dem Mix aus Alkohol, Amphetaminen und weiteren Medikamenten unter den extremen Bedingungen am Mont Ventoux 1967 nicht standhalten konnte. Roger Rivière überlebte 1960 seinen Sturz unter Amphetamineinfluss, er musste aber sein weiteres Leben im Rollstuhl verbringen. Er verstarb 1976 schwer amphetaminabhängig an Krebs. (> Portrait R. Rivière)
In all diesen Fällen war es relativ einfach, einen direkten Zusammenhang zwischen Drogen und dem Tod der Fahrer herzustellen. Schwieriger wird es, wenn über Langzeitfolgen spekuliert wird. LangzeitfolgenDenn was ist mit den Fahrern der 50er und 60er Jahre, die relativ früh an Krebs verstarben, wie Jacques Anquetil und Gastone Nencini, die Doping zugaben oder anderen, die Selbstmord verübten? Ist ihr Tod ebenfalls dem Doping geschuldet?
Hat sich die Situation in den Folgejahren vor dem Hintergrund der experimentierfreudigen Sportler-und Betreuerherzen, die sich zunehmend hemmungsloser aus der Welt der Medikamente bedienten und bedienen, verschärft?
Die mir zugänglichen Informationen sind eher dürftig. Wahrscheinlich ist, dass der Wissenschaft weitergehende Daten zur Verfügung stehen und auch den Insidern bekannt sind.
Es gibt kaum StudienUmfassende Untersuchungen, die sich mit Krankheiten und der Lebenserwartung von aktiven und zurückgetretenen Sportlern befassen, kenne ich nicht.
2000 zitierte die Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin (Jahrgang 51, Nr. 5 (2000)) eine finnische Studie, in der die Lebenserwartung von 62 finnischen Gewichthebern in den Jahren 1977-82 betrachtet wurde. Von den Gewichthebern waren 12,9% im Gegensatz zu 3,1% der Normalpersonen verstorben, d.h. die Sportler hatten ein 4,1mal höheres Risiko. "Die acht Todesfälle umfassten 3 Suizide, 3 Herzinfarkte, 1 hepatisches Koma und 1 Non-Hodgkin-Lymphom. Während eine Verbindung vom Anabolikamissbrauch zu okklusiven Gefäßerkrankungen ebenso wie zu toxischen Lebererkrankungen bekannt ist, scheinen die beiden anderen Todesursachen keinen unmittelbaren Bezug zum Anabolikamissbrauch zu haben. Allerdings sind unter den Nebenwirkungen auch Einflüsse auf die Psyche bekannt und die Anwendung von Wachstumshormonen soll mit einer erhöhten Rate an malignen Bluterkrankungen einhergehen. Da entsprechende Untersuchungen von Gewichthebern und Normalpersonen in der Zeit, wo Doping noch nicht üblich war, keinen Unterschied zeigen, ist anzunehmen, dass die erhöhte Todesrate nicht sportartspezifisch ist, sondern auf erhöhten Anabolikamissbrauch zurückzuführen ist."
Dr. Jean-Pierre De Mondenard erwähnt eine amerikanische Studie, wonach amerikanische Footballer bereits 1973 eine erheblich reduzierte Lebenserwartung gegenüber der Durchschnittsbevölkerung hatten. Im Mittel betrug 1993 die Lebenserwartung bei einer Karrieredauer von 3,2 Jahren fast 17 Jahre weniger als die des Durchschnittsamerikaners. De Mondenard führt diese geringere Lebenserwartung auf den hohen Dopingmissbrauch, auf den 'normalen' Mix von Drogen und Medikamenten zurück. Einerseits sind direkte Schäden die Folge, andererseits nimmt die Trainings- und Wettkampfhärte zu und die natürlichen Grenzen des Körpers werden missachtet. (De Mondenard, Dopage, 2000). Lebenserwartung der Tour-de-France-Fahrer nach 19471999 veröffentlichten De Mondenard et al. eine Studie, die auf Initiative der Zeitung 'Nouvel Observateur' durchgeführt wurde und in die 90 % aller Fahrer der Tour de France von 1947 bis 1998 (?), insgesamt 2363 Personen, eingingen. (Die Studie liegt mir nicht vor, lediglich ein Artikel aus dem Nouvel Observateur, in dem De Mondenard die Ergebnisse erläutert). Danach ergab sich für Profiradsportler, die nach 1970 zum ersten Mal an der Tour de France teilgenommen hatten, eine 2,5-fach erhöhte Wahrscheinlichkeit, vor dem 45. Lebensjahr an Gefäßkrankheiten (Infarkte, Arterienrisse, Gehirnschläge) zu sterben als die europäische Durchschnittsbevölkerung. Zehn Tour-de-France-Fahrer, zwei Belgier, ein Spanier, drei Franzosen und vier Niederländer, verstarben vor dem Erreichen des 45. Lebensjahres. Zwischen dem 25. und 34. Lebensjahr verstarben Profiradsportler sogar fünfmal häufiger an Gefäßkrankheiten als die Durchschnittseuropäer. Während die Lebenserwartung der Durchschnittsbevölkerung in Europa stetig anstieg, wies das Tour-de-France-Peloton eine gegenläufige Tendenz auf. Am Anfang des Jahrhunderts lebten Radsportler, die die Tour de France zwischen 1900 und 1920 fuhren, 20 Jahre länger als der damalige Durchschnittseuropäer. Tour-de-France-Fahrer, die zwischen 1947 und 1970 antraten, hatten eine höhere bis normale Lebenserwartung. Fahrer, die an den erwähnten Gefäßerkrankungen starben, gab es offenbar keine. Nach 1970 änderte sich dann die Lage.
Die Unfallrate war bei den Radsportlern bis 1970 doppelt so hoch wie in den Jahren danach. Aber auch diese Fahrer hatten eine höheres Risiko als die Durchschnittsbevölkerung. Das war und ist sicher berufsbedingt und abhängig von der allgemeinen Straßen- und Verkehrssituation. Die Autoren führen einige Unfälle aber auch darauf zurück, dass Fahrer 'geladen' - also auf Drogen - waren und somit unfallgefährdeter. In den 1960er bis 1980er Jahren waren dies vorwiegend Amphetamine, die häufig während der Trainingsphasen im Winter eingesetzt wurden. Für keine Altersgruppe konnte in dieser Studie eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, festgestellt werden.
Wobei erwähnt werden muss, dass sich die Ergebnisse vor 1970 vorwiegend auf französische Fahrer beziehen. Die neue Zeit ab 1970
Weshalb nahm Ende der 60er Jahre das Risiko, an Gefäßkrankheiten zu erkranken und früh zu sterben bei Tour-de-France-Fahrern zu?
De Mondenard erklärt dies unter anderem mit den Veränderungen, die im Profiradsport im Laufe der 60er Jahre stattfanden. Die nationalen Teams wurden ersetzt durch Markenteams, die Rennhäufigkeit nahm zu, die Fernsehübertragungen ebenfalls, der Druck auf die Fahrer erhöhte sich, die Rennen selbst wurden härter und schneller gefahren. In den 70er Jahren hatten Profis an bis zu 200 Tage im Jahr anzutreten. Das schafften die wenigsten ohne Unterstützung. Stimulanzien mussten die Schmerzen und die Müdigkeit verringern. Da kamen die Anabolika und Corticoide gerade recht, mit denen schon in den 60er Jahren begonnen wurde zu experimentieren. Hemmungen, dann zu Wachstumshormonen und EPO zu greifen, gab es auch nicht, zumal sich die neuen Medikamente direkt auf die Leistungsfähigkeit auswirkten. Alle diese Medikamente, vor allem die Hormone, bergen das Risiko von Gefäßveränderungen und erhöhen damit das Risiko an Herzproblemen zu erkranken.
Zu einer plötzlichen Häufung von Todesfällen kam es dann Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre durch die Einführung von EPO, als man dessen Wirkungen noch nicht genau kannte. Später lernte man das Blut zu verdünnen und das direkte Risiko zu minimieren. (s. u.)
Der oben zitierten französischen Studie betreffs internationaler Tour de France-Fahrer lag eine frühere zugrunde, in die nur französische Fahrer eingingen. Die Ergebnisse entsprachen in etwa den zitierten. Deutsche RadsportlerRalf Meutgens bezieht sich in einem Beitrag für den Deutschlandfunk aus dem Jahr 1999 auf die obige Studie des Nouvel Observateur wie folgt: Danach ergab sich für die 79 deutschen Tour-de-France-Teilnehmer seit 1955, dass lediglich 5 im Alter von 49 bis 62 Jahren bis 1999 (?) gestorben waren. Weit höher aber sei die Zahl der früh verstorbenen Fahrer in der Gruppe der Sportler, die nicht an internationalen Wettkämpfen teilnahmen, da sie keine regelmäßigen Dopingkontrollen zu befürchten gehabt hätten (dürfte auf Fahrer aller Nationen zutreffen). Hans Michalsky, Mitglied der deutschen Bahnnationalmannschaft von 1972 bis 1979, wird wie folgt zitiert: "Zu meiner Zeit spielte die Gabe von männlichen Hormonen eine große Rolle. Wir wurden jedoch damals schon sehr oft kontrolliert, aber Leute, die in der zweiten Reihe standen, die mehr die regionalen Rundstreckenrennen fuhren, waren weitaus gefährdeter. Von denen kenne ich viele Fälle, die heute schon gar nicht mehr leben, etliche, die entweder durchgedreht sind, oder rauschgiftsüchtig sind, oder alkoholsüchtig. In diesem Bereich bestand schon damals das viel größere Problem im Zusammenhang mit Doping."
Mittlerweile liegen mir weitere Namen von deutschen Radsportlern vor, die früh verstarben. Ob dies in Verbindung mit ihrer sportlichen Laufbahn steht, wage ich aber nicht zu behaupten.
(*) Die Namensliste werde ich nicht veröffentlichen, da die Tode der Fahrer zwar Fragen in Zusammenhang mit Doping aufwerfen, es aber in vielen Fällen nicht erwiesen ist, dass Doping eine Rolle spielte.
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