


BRD / DDR - Vergangenheit

1977/1983 Grundsatzerklärungen für den Deutschen Spitzensport des DSB und des NOKNach den Vorkommnissen während der Olympischen Spielen 1976 in Montreal wurde in Westdeutschland die Debatte um Doping offen und kontrovers ausgetragen (>>> Kolbe-Spritze u.a.). Die Meinungen waren nicht einheitlich. Insbesondere um die Sinnhaftigkeit der Anabolika wurde heftig gestritten und einige Zeit sah es fast so aus, als könnte eine offzielle Freigabe durchgesetzt werden. So hatten die deutschen Sportmediziner sich im Januar 1977 auf einem Kongreß des Deutschen Sportärzte-Bundes in Freiburg für die ärztlich kontrollierte Freigabe der Anabolika bei Männern ausgesprochen. Diese Erklärung wurde jedoch im Mai aufgehoben, nachdem der DSB und das NOK sich für eine deutliche Antidopingstrategie entschieden hatten und dies am 11. Juni 1977 mit einer Grundsatzerklärung für den Leistungssport manifestierten.
Diese Erklärung beinhaltet ein klares Bekenntnis zu ärztlich-medizinischer Betreuung der Athleten, die als unerlässlich gilt, gleichzeitig wird einer medikamentös-pharmakologischen Leistungsteigerung eine Absage erteilt. Zur Begründung wird neben ethischen, psychologischen, ärztlichen und pädagogischen Gründen auf die internationalen Regeln verwiesen.
Erarbeitet wurde diese Grundsatzerklärung von einer Kommission unter Leitung von Prof. Ommo Grupe, Sportwissenschaftler und Präsidiumsmitglied des DSB. Die Kommission wurde nach den Ereignissen in Montreal eingesetzt um die Manipulationen im Sport zu untersuchen. Ein Untersuchungsbericht wurde jedoch nie veröffentlicht. (>>> Prof. Grube zur Grundsatzerklärung vor dem Sportausschuss und Diskussion darüber)
Neben Leitlinien wurden Verpflichtungen für die Verbände und die darin Aktiven formuliert und Wünsche an die Sportmedizin, die Politik und andere gesellschaftliche Partner festgehalten.





Kommentare:
Dr. W. Hollmann wird in der FAZ am 7. Mai 1977 wie folgt zitiert: „Die Anti-Doping-Erklärung von Willi Weyer und Willi Daume, bei aller persönlichen Wertschätzung vor beiden Männern, ist von rührend anmutendem Niveau. Ihr Verhalten gleicht dem Ingenieur, der einen Mondflug vorbereitet und sich dabei der Materialien von Peterchens Mondfahrt bedient.“
Die Zeit schreibt am 4.11.1977: "Das Vorhaben des Deutschen Sportbundes (DSB), der medizinischen, pharmakologischen und technischen Manipulation durch eine Anti-Doping-Charta zu begegnen, ist zwangsläufig so lange ein Versuch am untauglichen Objekt, wie der Wille und die Möglichkeit zu steter Kontrolle fehlen. Hatte DSB-Präsident Willi Weyer noch Anfang des Jahres lautstark und entschieden für „Kontrollen auch auf unterster Ebene" plädiert, so sprach, sich jüngst, knapp vier Monate nach Verabschiedung der Charta, die wissenschaftliche Kommission des Bundesausschusses für Leistungssport während einer Tagung in Beckstein (Taunus) „gegen alle etwaigen Kontrollmaßnahmen beim Training der Spitzensportler" aus."
aus der Praxis:
Manfred Ommer, Sprinter in den 70er Jahren, gab im März 1977 zu mit Dianabol Vizeeuropameister geworden zu sein. "Was zählt, ist nur der Erfolg. Der Athlet will gewinnen, und alles, was ihm dabei hilft oder auch nur Hilfe verspricht, ist gut und muß zumindest ausprobiert werden. Ein Mannschaftsarzt, der einemAthleten eine Apfelsine in die Hand drückt und ihn mit dem guten Rat in den Wettkampf schickt, sich noch einen Apfel zu kaufen, ist die längste Zeit Mannschaftsarzt gewesen.. Dafür sorgen die Athleten selbst.... Und der Arzt, von dem ich die richtigen Pillen habe, hat ja auch an der Dopingliste mitgearbeitet....“ (die Welt, 15.3.1977)
"Sehr viele Trainer - das ist auch nachweisbar - lehnen Anabolika überhaupt
nicht ab. Dann kommt der Athlet mit den Funktionären der Verbände in Berührung. Hier stelle ich die Behauptune auf, daß ich noch keinen Verbandsfunktionär getroffen habe, der mir klipp und klar gesagt hat, daß er gegen Anabolika ist und daß er mir davon abrät. Im Gegenteil: Es liegen Beweise und Zeugenaussagen vor - auch von Athleten der Nationalmannschaft -, daß sogar F'unktionäre der Verbände den Athleten zu der Einnahme von Anabolika geraten haben." (Sportausschuss 1977, S. 6/56) 

1983 ergänzende Stellungnahme
1983 sahen sich DSB und NOK genötigt, die Grundsatzerklärung zu bestätigen, sich 'uneingeschränkt' dazu zu bekennen. In einer Stellungnahme verabschiedet der Hauptausschuss des DSB eine ergänzende Stellungnahme, der am 5.11.1983 die Mitgliederversammlung des NOK zugestimmt hat. Darin werden vor allem Forderungen und Maßnahmen genannt, mit deren Hilfe eine schnellere inhaltliche Umsetzung der Grundsatzerklärung von 1977 gewährleistet werden soll.



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Begründung
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Beide Grundsatzerklärungen galten bis zur Wiedervereinigung als maßgebliche Richtschnuren des Handelns und Argumentierens. Insbesondere die Politik bezog sich immer wieder auf diese Grundsätze, wie es Kleine Anfragen von Parteifraktionen des Deutschen Bundestag belegen.
Die Umsetzung der Grundsätze in der Praxis scheint aus späterere Sicht zweifelhaft. Einiges deutet daraufhin, dass nach den Erklärungen Ruhe in die öffentliche Dopingdebatte einkehrte, zumal von Sportfunktionärsseite (Willi Daume) Schweigen angemahnt wurde. Das Problem war damit aber keinesfalls gelöst sondern brodelte unter der Decke heftig weiter.
Ein Beispiel für den Umgang mit den Leitsätzen ist die Testosteronforschung der Jahre 1985 bis 1990. In den Richtlinien heißt es:



Diese Testosteronforschung führte nach Bekanntwerden zu heftigen Auseinandersetzungen. Auch die Bundesregierung sah sich zu Erklärungen und Rechtfertigungen genötigt. Bis heute sind die Hintergründe nicht vollständig offengelegt:
>>> Testosteronforschung von 1985-1990 

parlamentarische Bezüge: 





Eine umfangreiche Darstellung der Doping-Diskussion in der Bundesrepublik nach den Dopingvorgängen während der Olympischen Spiele 1976 findet sich hier:
>>> Singler/Treutlein, Doping im Spitzensport, S. 220 ff
Darin wird auch ausführlich auf die Debatte im Sportausschuss des deutschen Bundestages 1977 eingegangen, in der die gesamte Bandbreite der Meinugen deutlich wurde:
>>> Öffentliche Sachverständigen-Anhörung vor dem Sportausschuss 1977
>>> siehe auch zur Historie westdeutscher Sportärzte
Maki, April 2010 
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